Die Menschenrechtssituation in Zentralamerika ist von struktureller Armut, Korruption und weitgehender Straflosigkeit geprägt. Gewalt durch organisierte Kriminalität, geschlechtsspezifische Gewalt, Vertreibungen und die Diskriminierung indigener Gemeinschaften sind für viele Menschen bittere Realität. Armut und Unsicherheit treiben Hunderttausende zur Migration – innerhalb der Region und Richtung Norden. Die Ursachen liegen tief: in historischen Konflikten, unaufgearbeiteten Bürgerkriegsvergangenheiten und externen wirtschaftlichen und politischen Einflussnahmen, die bis heute nachwirken.
Gleichzeitig wird der Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft immer enger. Autoritäre Regierungen untergraben die Rechtsstaatlichkeit, setzen auf Repression und bringen kritische Stimmen systematisch zum Schweigen. Umso bedeutungsvoller ist der Einsatz jener Menschen und Organisationen, die sich dennoch für Gerechtigkeit, Landrechte, Umweltschutz und eine lebenswerte Zukunft einsetzen. Ihr Engagement ist hochriskant: Menschenrechtsverteidiger:innen werden diffamiert, bedroht, kriminalisiert oder ermordet.
Diese Kämpfe gehen auch uns an. Globaler Handel und Geschäftspraktiken Schweizer Unternehmen tragen zur Armut und zu Menschenrechtsverletzungen in Zentralamerika bei. Daraus erwächst Verantwortung. Bedrohte Gemeinschaften brauchen internationale Solidarität – und unser Engagement für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit.
Guatemala: Bürgerkriegserbe, Korruption und indigene Resistencia
Guatemala ist bis heute von kolonialen Machtstrukturen und tiefen sozialen Ungleichheiten geprägt. Die indigene Maya-, Xinka- und Garifuna-Bevölkerung wurde seit der spanischen Eroberung systematisch ausgegrenzt – und auch nach der Unabhängigkeit 1821 blieb politische und wirtschaftliche Macht in den Händen einer kleinen ladinischen Elite.
Der jahrzehntelange Bürgerkrieg (1960–1996) forderte rund 200'000 Todesopfer, zehntausende Verschwundene und massive Vertreibungen. Über 90 Prozent der Verbrechen gingen laut Wahrheitskommission auf das Konto staatlicher Sicherheitskräfte, insbesondere der Armee, die brutale Massaker an der indigenen Bevölkerung verübte. Die Friedensverträge von 1996 brachten weder Gerechtigkeit noch tiefgreifende Reformen.
Bis heute sind korrupte Netzwerke aus Politik, Militär und Wirtschaft so fest verankert, dass sich die Lage auch nach der Hoffnungswahl von Bernardo Arévalo im Jahr 2023 kaum verbessert hat. Straflosigkeit, Landraub und strukturelle Diskriminierung prägen weiterhin den Alltag indigener Gemeinschaften. Gleichzeitig leisten indigene Organisationen und soziale Bewegungen entschlossenen Widerstand. Sie kämpfen für Landrechte, Selbstbestimmung und einen plurinationalen Staat, der die Vielfalt Guatemalas anerkennt – und für eine Zukunft jenseits von Gewalt, Ausgrenzung und Korruption.
Honduras: Politische Instabilität und Gewaltkultur
Honduras ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. Menschenrechtsverletzungen, insbesondere gegen Minderheiten und ärmere Bevölkerungsschichten, sind nach einem Staatssturz 2009 stark angestiegen. Der Putsch führte zu einer Erosion demokratischer Strukturen, einer Zunahme politisch motivierter Gewalt und einer schwächeren Rechtsstaatlichkeit. Gleichzeitig gehören Korruption und die Präsenz mächtiger krimineller Netzwerke zu den grössten Herausforderungen. Honduras wies lange Zeit eine der höchsten Mordraten der Welt auf, was besonders Frauen, Journalist:innen, LGBTIQ+-Personen und Menschenrechtsverteidiger:innen trifft. Speziell Umweltverteidiger:innen – wie im international beachteten Fall der ermordeten indigenen Aktivistin Berta Cáceres – sind gefährdet. Unter der Regierung von Xiomara Castro (2022-2025) gab es einige Reformbemühungen, doch viele der minimalen Fortschritte sind durch die neusten Wahlen im November 2025 sehr gefährdet.
El Salvador: Von Bürgerkriegstrauma zu autoritären Tendenzen
Die jahrzehntelangen Militärdiktaturen in El Salvador mündeten 1980 in einen Bürgerkrieg zwischen der Armee und der linksgerichteten FMLN-Guerrilla, der 60'000 Todesopfer, Verschwundene und hunderttausende Kriegsvertrieben forderte. Die 1992 vereinbarten Friedensabkommen beendeten den Konflikt und führten zur Schaffung zahlreicher demokratischer Institutionen, wie die staatliche Ombudsstelle für Menschenrechte. Eine umfassende Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen während des Krieges blieb jedoch aus. Gemäss UNO-Wahrheitskommission sind Militärs und Paramilitärs für über 85% der Verbrechen an der Zivilbevölkerung verantwortlich, die Mehrheit von ihnen wurde nie strafrechtlich zur Verantwortung gezogen.
In den Jahrzehnten nach dem Krieg prägten Bandengewalt, soziale Exklusion und schwache staatliche Strukturen das Land. Nach zwei Jahrzehnten neoliberaler Politik von rechts aussen, geprägt von der «mano dura» gegen die Bandengewalt unter ARENA (1989-2009) folgte ein Jahrzehnt zaghafter demokratischer Reformen von links unter zwei FMLN-Regierungen. Dieser demokratischen Konsolidierung setzte die Regierung von Nayib Bukele 2019 ein Ende. Sein Fokus liegt auf sicherheitspolitischen Ausnahmeinstrumenten, Masseninhaftierungen und selektiver Verfolgung von lokalen Leader:innen, was zwar zu sinkenden Todeszahlen, gleichzeitig aber auch zu schweren Menschenrechtsverletzungen und vollen Gefängnissen geführt hat. Berichte über willkürliche Festnahmen, Misshandlungen in Haft und eingeschränkte Presse- und Versammlungsfreiheit zeichnen ein Bild wachsender autoritärer Tendenzen, die durch den seit März 2022 aufrechterhaltenen Ausnahmezustand gerechtfertigt wird. Seither können grundlegende Menschenrechte, wie Versammlungs- und Bewegungsfreiheit, das Recht auf juristischen Beistand oder die Maximaldauer einer vorläufigen Festnahme nach Gutdünken der Autoritäten ausser Kraft gesetzt werden. In der Folge werden zunehmen Umwelt- und Menschenrechtsverteidiger:innen, Feministinnen und Vertreter:innen der Diversität verfolgt und inhaftiert. Mit der Aufhebung der Gewaltentrennung, der Auswechslung unabhängiger Richter:innen und der verfassungswidrigen Wiederwahl von Präsident Bukele 2024 entwickelte sich das Land zum autoritären Regime.
«Solidarität konkret»
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